Erinnerungen an den Büroalltag (1)

Es ist 17.42 Uhr. Irgendwas war doch mit 17.42 Uhr. Ich muss erst ein bisschen im Gedächtnis wühlen, dann habe ich's: Um 17.42 Uhr hätte ich früher, als angestellter Redakteur, laut Arbeitsvertrag Feierabend gehabt. Von Zeit zu Zeit machte ich mir den Spaß, die Kolleginnen aus dem Ratgeberressort darauf hinzuweisen. Die schauten dann kurz vom Bildschirm auf zu meinem Desk herüber und grinsten schief. Dann hauten sie weiter in die Tasten. Niemand wäre auf die Idee gekommen, um 17.42 Uhr nach Hause zu gehen. Frühestens um viertel nach sechs, meist aber erst weit nach halb sieben, packte die erste ihre Sachen ein, um sich auf den Heimweg zu machen - nicht ohne eine Entschuldigung zu murmeln wie "Muss zum Yogakurs" oder "Wir kriegen Besuch".

Als erster einfach nach Hause zu gehen erforderte einiges an Überwindung. Im Großraumbüro ist das echt kein Spaß. Um dich herum Kolleginnen, die genau auf die Uhr schauen und sich denken: Wird schon sehen, was er davon hat. Aus dem Glaskasten der unbestimmt lauernde Blick der Vorgesetzten. Soziale Kontrolle erzeugt schlechtes Gewissen - wie oft habe ich das alles verflucht! Und wenn du tausendmal fertig mit deiner Arbeit warst - gegangen wurde erst um halb sieben. Hätte ja einer denken können, du hättest eine Beamtenmentalität und als Journalist deinen Beruf verfehlt.

Dann habe ich es eine Zeitlang einfach gemacht, nach dem Motto: So lange keiner meckert, ist alles okay. Gemeckert hat dann auch keiner, jedenfalls nicht direkt. Nur brachte die Chefin eine Woche später zum Ausdruck, dass sie jüngst mit einem Artikel nicht zufrieden gewesen sei und - als sie um 18.30 Uhr offene Fragen besprechen wollte - keiner mehr da gewesen sei. Auf gut Deutsch: Wenn Sie schon eher nach Hause gehen, dann melden Sie sich gefälligst bei mir ab! Kein Wunder, dass die ganze Sache irgendwann eskalierte.

Wenn dagegen sie, die Chefin, schon um halb sechs ging, konnte man wetten, dass innerhalb von fünf Minuten niemand mehr an seinem Schreibtisch saß. Ist das nicht armselig, dachte ich immer. Sind wir alle nicht furchtbar armselige, unmündige Arbeitnehmer? Vermutlich, um sich über die entsetzten und entgleisten Gesichter zu amüsieren, drehte die Chefin bei etlichen solchen Gelegenheiten noch mal um und tauchte mitten im schönsten Aufbruch wieder auf. Angeblich, weil sie etwas in ihrem Glaskasten vergessen hatte. Peinlich war das nie ihr, immer uns. Erwischt.

Wenn ich dieser Tage in verschiedenen Zeitungen lese, dass dieses Vorschützen von permanenter Arbeitsüberlastung und Absitzen unzähliger unproduktiver Stunden im Büro nicht die Ausnahme, sondern Alltag in Deutschland ist, bin ich gleichzeitig entsetzt und beruhigt. Beruhigt, weil: Ich bin nicht der einzige Feigling gewesen. Entsetzt, weil: Offenbar steigen Wertschätzung und Karrierechancen noch immer in dem Maß, in dem sich jemand mit Haut und Haaren an die Firma verkauft, Familie und Freunde möglichst komplett vernachlässigt und seinen Vorgesetzten - wie plump auch immer - zu verstehen gibt, dass man immer mit ihm rechnen könne. Das befähigt einen für höhere Aufgaben.

Na, dann: Schönes Berufsleben noch!

 

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